42016Feb
Sex in reifen Jahren

Sex in reifen Jahren

In einer kürzlich von der UNIQA-Versicherung veröffentlichten Kampagne wird die Lust der reifen Jahre thematisiert.


„Denk Lebensfreude altert nicht“ und ein älteres Paar zeigt offensichtliche sexuelle Zuneigung. Trotz solcher Aktionen wird angeblich nach wie vor zu wenig über Sexualität im Alter geredet (sind Medizin- und Frauenzeitschriften nicht voll davon?). Auch die oberste Sexualmedizinerin, Dr.Elia Bregagna, bestätigt: „Sex im Alter ist immer noch tabu.“ und suggeriert, wir müssen mehr für die Lust in diesem Lebensabschnitt tun.

Sex bleibt angeblich auch in reifen Jahren wichtig, doch frage ich mich mit der Erfahrung aus meinem urologischen Ordinationsalltag, wie ernst sind Studien zu nehmen, die behaupten, dass 80 Prozent(!) der über 75-jährigen Männer und mehr als zwei Drittel(!) der gleichaltrigen Frauen sexuelle Kontakte haben? Schön, wenn es so ist, aber bescheren solche lächerlichen Zahlen dem überwiegenden Anteil, bei dem es nicht so ist, immensen Druck und Minderwertigkeitsgefühl?

Ich gebe zu, dass ich hin und wieder von der Offenheit eines knapp 80-Jährigen mit seinen Problemen in der Sexualität überrascht bin, und in der Zwischenzeit habe ich gelernt, mit ihm ernsthaft seine Optionen zu diskutieren, doch meist sieht die Realität ganz anders aus: Multimorbidität von Diabetes bis Herz-/Kreislauferkrankungen, seitenlange Medikamentenlisten, Nikotinschäden, massives Übergewicht mit Beschwerden und Bewegungseinschränkung, Krebserkrankungen, Osteoporose… dieser Cocktail trifft oft beide Partner (und zwar schon in viel jüngeren Jahren!).

Die Sexualmedizin hält entgegen: „Beim Sex wird ein ganzer Cocktail an gesundheitsfördernden Hormonen ausgeschüttet. Endorphine, Glückshormone, Oxytocin,…“  Aha. Und wie geht das, wenn man vorwiegend auf das Überleben des Alltags angewiesen ist? Auf jeder Baumesse wird man als über 40-jähriger mit besorgt-geweiteten Augen angesehen, wenn man es nicht für selbstverständlich empfindet, die Barrierefreiheit für die mit Sicherheit demnächst eintretende Altersgebrechlichkeit einzuplanen, aber im Bett soll es laut Studien mit 75 noch abgehen, wie bei Harry und Sally.

Irgendwie beschleicht mich der Verdacht, dass beim Thema „reifer Sex“ Wirtschaft (Pharmaindustrie, Medien) und Wissenschaft eine unheilige Allianz eingehen. Die einen brauchen Umsätze und Konsumenten, die anderen Profilierungsfelder.

Stattdessen wäre es viel wichtiger schon der Generation vor 40 klar zu machen, wie wichtig ein gesunder Lebensstil  ist (der macht die Industrie aber nicht reicher), auch für die Sexualität. Richtig ist, dass Rauchen, Stress, Bluthochdruck und hoher Cholesterinspiegel unsere Blutgefäße schädigen, vor allem die kleinen Gefäße, wie die im Schwellkörper. Das kann schon frühzeitig zu Störungen der männlichen Erektion, aber auch zu weiblichen Erregungsstörungen führen. Und daher muss schon hier präventiv entgegengearbeitet werden, wenn „Mann“ ein silberner Panther und „Frau“ ein reifer Vamp werden wollen.

Nicht nur körperliches Wohlbefinden, sondern auch Stressmanagement, Psychohygiene und Pflege der Beziehung sind weitere wichtige Voraussetzungen für eine zufriedene Sexualität in reiferem Alter. Diese Punkte bespreche ich in meiner Ordination immer, wenn sexuelle Probleme vorgebracht werden.
Entgegen dem, was uns Medien und Sexualmedizin weiß machen wollen:
Nicht die gelebte Alters-Sexualität beschert uns Gesundheit, sondern ein gesunder Lebensstil kann uns zu einer zufriedenen Sexualität in reifen Jahren verhelfen!