12017Apr
Panta rhei – 4 Jahre ohne GKK-Vertrag

Panta rhei – 4 Jahre ohne GKK-Vertrag

Ich mag Jahrestage. Sie sind eine Gelegenheit inne zu halten, kurz zurückzublicken und eine Zwischenbilanz zu ziehen, bevor man wieder nach vorne schaut und Fahrt aufnimmt. „Pánta chorei kaì oudèn ménei“, alles fließ und nichts bleibt (gleich), ist ein Zitat Platons. Das Sein ist demnach nicht statisch, sondern dynamisch, ein ewiger Wandel: Die Dinge um uns herum, unsere Umwelt, sogar wir selbst sind ständig in Veränderung. Deshalb finde ich es gut hin und wieder zu überprüfen, ob dieser „Fluß“ in die gewünschte Richtung geht.

Vor 4 Jahren hatte ich beruflich dieses Gefühl nicht mehr. Ich fühlte mich damals nach einem Vierteljahrhundert ärztlicher Tätigkeit ausgelaugt und als Spielball fremder Interessen. Einerseits war da eine übervolle Kassenordination, in der es schwierig geworden war eine Arzt-Patienten Beziehung aufzubauen, andererseits leistet man als Kassenarzt mehr, als das System sehen möchte, man leistet mehr, als man dokumentieren kann und mehr als Kassendirektoren und Gesundheitspolitiker wahrhaben wollen. Die Kassenmedizin verlangt von den Ärzten schneller zu arbeiten, Patienten schneller durchzuschleusen. Nimmt man sich angesichts eines übervollen Wartezimmers und langen Terminvormerkungen Zeit für Patienten, gerät man in den Verdacht der Ineffizienz, der Verschwendung. Dabei ist die Zeit, die man einem Patienten widmet die zentrale Investition, dank der es erst möglich wird die richtige Therapie zu finden. Mein Ziel war es immer, die medizinische Wissenschaft in Verbindung zu bringen mit der Zwischenmenschlichkeit, aber ich wollte nicht länger der Puffer einer verfehlten Gesundheitspolitik und den Patientenbedürfnissen sein.

Deshalb habe ich mit 1.April 2013 meinen Vertrag mit der Gebietskrankenkasse gekündigt. Natürlich waren auch Zukunftsängste da: Wie werden die Patienten reagieren und werden trotzdem genug kommen? Wieviele wollen sich einen privaten Urologen leisten? Werden die ärztlichen Kollegen dennoch Patienten zuweisen? Sind meine Tarife angemessen? Ich war aber fest entschlossen, in einer florierenden Praxis weiterhin engagiert zu arbeiten und möglichst viele Patienten behandeln zu können. Was ich anbieten konnte war ein langjähriges Erfahrungswissen und die Bereitschaft mich auf jeden Patienten neu einzulassen, das hatte ich in den über 10 Jahren Kassenmedizin bewiesen.

Es lief von Anfang an gut. Die Ordination war trotz des gekündigten GKK-Vertrages bald gut gebucht und die Tage liefen deutlich stressfreier. Kein Hetzen mehr angesichts eines vollen Wartezimmers, sondern zuhören, fragen und den Blick auf den ganzen Patienten haben. „Die Zuwendung macht den anderen zu etwas Besonderem – und zwar in erster Linie vor sich selbst. Allein dadurch, dass er so sein darf wie er ist, lernt er, sich selbst in seiner Krankheit anzunehmen.“, formuliert es der Medizinethiker Prof.Dr.Giovanni Mayo, „…tatsächlich liegt in dieser Beziehung das Besondere und das Erfüllende des Arztseins, denn am Ende ist es der Arzt, der durch das Geben der Zuwendung am meisten zurückbekommt, nämlich Vertrauen.“

An diesem 4.Jahrestag möchte ich mich bei meinen Patienten für das Vertrauen bedanken und verspreche, mich immer weiter zu verändern und doch der gleiche zu bleiben. So wie ich heute in meiner Ordination arbeiten kann, ist es etwas Besonderes, denn so stellen sich Medizinstudenten verklärt ihren zukünftigen Arbeitsalltag vor. Ich freue mich schon auf morgen.

Dr.Gerhard Hafner